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Italien, Berlins Bananenrepublik



Von dem Debakel ihrer Wahlempfehlung für Ex-Präsident Sarkozy hat Bundeskanzlerin Merkel offenbar nichts gelernt. Die Warnungen haben sich prompt bestätigt: das Verhältnis mit Nachfolger Hollande ist nachhaltig gestört; die Zusammenarbeit mit Frankreich in europäischen Fragen ist trotz Fototerminen nicht mehr, was sie jahrzehntelang war.

Und nun Italien. Politiker in Merkels Koalition und Partei fordern die Italiener auf, Berlusconi nicht zu wählen. Schäuble, Westerwelle, Polenz und Europarlamentspräsident Schulz haben ihren Verstand offenbar an der Garderobe abgegeben. Wie die Italiener eine Empfehlung empfinden, die wie ein Befehl klingt, beschreibt das grosse bürgerliche Blatt Corriere della Sera: "Unsere Demokratie braucht keinen Vormund im Ausland, der uns sagt, wo es langgehen soll".

Und wie reagiert Berlusconi: er strahlt! Für ihn sind die Warnungen aus Berlin und Strassburg kostenlose Werbung, die ihm jene Wähler zutreibt, die unter allen Politikern allein ihm zutrauen, gegen das "Diktat" aus Berlin und Brüssel aufzustehen und Italiens Grösse und Unabhängigkeit wieder herzustellen.

Noch sind sich die Auguren einig, dass Berlusconi — in Italien einfach "B" genannt — die Wahlen nicht gewinnen kann. Deshalb glaubt man in Berlin offenbar, auf ihm ohne Schaden herumtrampeln zu können. Ein möglicherweise fataler Irrtum. Denn es gilt als wahrscheinlich, dass seine Mitte-Rechts-Koalition mit der Nordliga aus wahltechnischen Gründen die Mehrheit im Oberhaus, dem Senat, gewinnen wird.

Damit wäre Berlusconi Partner jeder Regierung, die ja auf ihn angewiesen ist, wenn sie Gesetze vorlegt. Die Brüskierung aus Berlin kann die europafeindliche und deutschfeindliche Haltung des Herrn B nur verstärken und seine Lust, die jeweilige Regierung ins Leere laufen zu lassen, anstacheln.

Doch auch bei der Wahl zum Unterhaus, der Kammer, sind Bs Karten nicht so schlecht, wie man in Berlin glaubt. Die letzten Umfragen bezifferten den Abstand zwischen einer möglichen Mitte-Links-Koalition und Bs Gruppierung auf nur noch 4-5 Prozent. Sollte die Wahlbeteiligung bei 65 Prozent liegen, so würden 4-5 Prozent von gut 30 Millionen tatsächlich Wählenden etwa 1,3 Millionen bedeuten.

1,3 Millionen Stimmen mehr für Berlusconi und er hat es womöglich erneut geschafft. Überraschung und Entsetzen in Berlin, Brüssel und dem Rest der westlichen Welt, einschliesslich Washington. Praktische Frage: wo bekommt man in Italien 1,3 Millionen weitere Stimmen her, die in den Umfragen bislang nicht berücksichtigt sind?

Die Antwort ist einfach: man kauft sie. Es gibt vier grosse Quellen, die Stimmen verkaufen. Sie heissen N'drangheta, Camorra, Cosa Nostra und Sacra Corona Unita. Standardpreis: 50 Euro pro Stimme. Am deutlichsten wurde diese Praxis in Ligurien, wo sich Politiker aller Couleur und jeden Niveaus seit Jahren bei der N'drangheta — dem Mafia-Verbund aus Kalabrien — bedienen. Wie macht man das? Wiederum einfach: man besucht das nächst gelegene kalabresische Restaurant, bestellt sich eine Flasche Ciro und spricht mit dem Wirt. Die Kosten? 1,3 Millionen zu je 50 Euro würde 63 Millionen ausmachen. Nur zum Vergleich: Soviel Unterhalt zahlt Berlusconi seiner Ex-Frau Veronica Lario in 21 Monaten.

Die N'drangheta ist die mächtigste und bestorganisierte Mafia Italiens und überall im Lande präsent, selbst in Südtirol und im Trentino. Doch auch Camorra und Cosa Nostra haben sich über ganz Italien ausgebreitet und befehlen über Wirtschaftsimperien mit vielen vertrauenswürdigen Mitarbeitern und ihren Familien aus der Heimat Neapel oder aus Sizilien. Nur die Sacra Corona Unita scheint bislang auf Apulien beschränkt zu sein. Jedenfalls stellt in weiten Teilen Süditaliens die lokale Mafia die eigentliche Regierung dar, die energisch für Gehorsam sorgt.

Berlusconi konnte zwar seinen alten Freund und Verbindungsmann zur Cosa Nostra, Marcello dell'Utri, diesmal nicht wieder als Kandidat für das Parlament aufstellen, doch an guten Kontakten wird es dem Cavaliere bestimmt nicht fehlen. Auch darf er auf generelles Wohlwollen rechnen, denn der Mafia egal welcher Couleur wäre eine Berlusconi-Regierung, die mit gewohntem Enthusiasmus die Justiz und die Steuervollstreckung bekämpft, sicherlich sympathischer als jede Alternative.

"Es sind nicht die Mafiosi, die Kontakt zur Politik suchen; es sind die Politiker, die die Stimmen der lokalen kriminellen Organisationen suchen." Francesco Mandoi, Berater der Direzione Nazionale Antimafia, Februar '13

Von solchen praktischen Kalküls abgesehen, wird kein selbstachtender Italiener akzeptieren, dass sein belpaese von Deutschland wie eine Bananenrepublik geschurigelt wird. Man kann nur hoffen, dass bei der kommenden Wahl politische Reife die Emotionen überwiegt.

Das aber ist wenig wahrscheinlich. "Mehr als der Hälfte der Italiener fällt es schwer, geschriebene Informationen zu verstehen, und viele verstehen nicht einmal das gesprochene Wort", warnt der Sprachkundler Tullio de Mauro vor der Wahl. "Viele Bürger sind daher gezwungen, mit dem Bauch statt mit dem Verstand zu votieren".

De Mauro beklagt, dass es den Bürgern daher schwer fällt, die regierende Klasse zu kontrollieren. Er erkennt als Ursache des Rückstands und des zunehmenden Analphabetentums das traditionell schlechte Schulwesen, an dessen Verbesserung die Regierenden in den 150 Jahren italienischer Staatsgeschichte kein Interesse gezeigt hätten, weil die Unwissenheit es leichter mache, das Volk zu manipulieren.

Berlusconis Wahlsieg?

Am 1. März 1815, vor 198 Jahren, kehrte Napoleon von Elba nach Frankreich zurück. Seine Wächter liefen zu ihm über, 125.000 alte Soldaten stellten sich wieder unter seine Fahne, Frankreich war erneut Kaiserreich. Hundert Tage lang, dann setzte die Schlacht von Waterloo dem Spuk ein Ende. Napoleon wurde gefangen genommen und nach St. Helena verbannt.

Berlusconis erhoffte Rückkehr an die Macht in Italien erinnert in mehr als einer Beziehung an das Schicksal Napoleons. Es wäre ein später, unerwarteter Triumph! Würde er hundert Tage dauern? Brüssel, Washington und die Finanzmärkte haben wenig Verständnis für Berlusconis Eskapaden. Schon nach weniger als hundert Tagen könnte ein finanzielles Waterloo erneut den Rücktritt des Cavaliere erzwingen. Freilich droht ihm keine Verbannung nach St. Helena. Nur das Ende seiner Prozesse. Das ist peinlich genug.

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—— Benedikt Brenner